„Made in Germany“ wird zur Seltenheit

dima Herr Wohlhaupter, Sie sind seit fast fünfundzwanzig Jahren Geschäftsführer Ihres Unternehmens, leiten es in der dritten Generation. Das spricht doch sehr für Kontinuität.

Geschäftsführender Gesellschafter Frank-M. Wohlhaupter: "Trotz aller Probleme, die der Standort Deutschland haben mag, halten wir ihn für geeignet: Hier sind die Menschen mit ihrem Knowhow, hier sind die Kunden, hier können wir effizient und effektiv produzieren.
Geschäftsführender Gesellschafter Frank-M. Wohlhaupter: „Trotz aller Probleme, die der Standort Deutschland haben mag, halten wir ihn für geeignet: Hier sind die Menschen mit ihrem Knowhow, hier sind die Kunden, hier können wir effizient und effektiv produzieren.“ – Bild: Wohlhaupter GmbH

Frank-M. Wohlhaupter: Das ist sicher richtig. Im Markt für modulare Werkzeugsysteme sind wir seit Jahrzehnten eine feste Größe und dürfen für uns in Anspruch nehmen, weltweit der Anbieter mit dem größten Programm an digitalen Ausdrehwerkzeugen zu sein. Bereits 1973 haben wir das weltweit erste modulare Werkzeugsystem ‚MultiBore‘ vorgestellt, das im vergangenen Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feierte – inzwischen natürlich mit deutlich vergrößertem Einsatzspektrum und digitalisiert. Seit 1929 fertigen wir Werkzeuge, erst in Stuttgart-Feuerbach, seit 1944 in Frickenhausen.

… und seit 2016 haben Sie einen US-amerikanischen Mehrheitsgesellschafter?

Korrekt, damals ist das Familienunternehmen Allied Machine & Engineering Corp. mit Sitz in Ohio bei uns eingestiegen. Dies war ein entscheidender Meilenstein für uns. Zum einen hatten wir dadurch zusätzliche finanzielle Mittel, um unsere Entwicklung und Produktion weiter voranzubringen. Zum anderen konnten wir so unser Portfolio um Produkte entlang der gesamten Prozesskette im Bereich der Bohrungsbearbeitung erweitern.

Unsere Muttergesellschaft ist für ihre ‚Holemaking Solutions‘ bekannt, die wir hier in Deutschland und anderen europäischen Ländern vertreten. Im Gegenzug erfolgt der Vertrieb von Wohlhaupter-Produkten in Amerika über Allied.

dima Wie groß ist der Einfluss Ihrer ‚Mutter‘ auf die Aktivitäten in Frickenhausen?

Tatsächlich agieren wir sehr eigenständig und bestimmen selbst, welche Produkte wir entwickeln und vertreiben. Wir stimmen uns zwar mit den Kollegen in den USA ab, haben aber weitgehend freie Hand.

1929 gegründet, ist Wohlhaupter heute bekannt als Hersteller von modularen Werkzeugsystemen für Bearbeitungszentren und Dreh-/Fräszentren, Plan- und Ausdrehköpfen, Einstechköpfen, Spannzeugen sowie kundenspezifischen Lösungen für die Bohrungsbearbeitung.
1929 gegründet, ist Wohlhaupter heute bekannt als Hersteller von modularen Werkzeugsystemen für Bearbeitungszentren und Dreh-/Fräszentren, Plan- und Ausdrehköpfen, Einstechköpfen, Spannzeugen sowie kundenspezifischen Lösungen für die Bohrungsbearbeitung.Bild: Wohlhaupter GmbH

Dies ist für uns eine tolle Position; das Verhältnis zu unserer Muttergesellschaft ist freundschaftlich-kollegial. Das hängt auch damit zusammen, dass Allied ebenfalls ein Familienunternehmen in dritter Generation ist und wir gemeinsame Werte und Visionen teilen. Das macht es im Arbeitsalltag leicht.

dima Das klingt nach einer echten Win-win-Situation. Sind solche Konstellation üblich oder ist Wohlhaupter da eine Ausnahme in der Branche?

Ich kann das naturgemäß nicht für alle Unternehmen in der Bohrungsbearbeitung sagen. Aber wir beobachten schon, dass unsere Wettbewerber Produktionsstätten in Deutschland oder auch der Schweiz aufgeben und ins Ausland verlagern. Der Einfluss der – meist ausländischen – Muttergesellschaften scheint hier wesentlich größer zu sein. Trotz aller Probleme, die der Standort Deutschland haben mag, halten wir ihn für geeignet: Hier sind die Menschen mit ihrem Knowhow, hier sind die Kunden, hier können wir effizient und effektiv produzieren.


MARKTÜBERSICHT von A bis Z: Ein Auszug der großen Anbieter von Feinbohrwerkzeugen

Big Daishowa
2010 gründeten die japanische Big Daishowa Gruppe und die Schweizer Kaiser AG die gemeinsame Vertriebsgesellschaft Big Kaiser GmbH in Deutschland. 2015 übernahm Big Daishowa die Kaiser Präzisionswerkzeuge AG, die seither weltweit als Big Kaiser AG firmiert. 2021 wurde die deutsche Vertriebsgesellschaft im Rahmen einer Harmonisierung der Vertriebsstruktur in Big Daishowa GmbH umbenannt.
https://big-daishowa.de

Ceratizit
1921 wird in Österreich das Unternehmen Metallwerk Plansee in Reutte gegründet, das spätere Partnerunternehmen Cerametal 1931 als
‚Luuchtefabrik‘ in Bereldingen, Luxemburg. Zwischen 1948 und 1962 kooperierten die beiden Unternehmen erstmals, 2002 schließen sich Cerametal und die Plansee Tizit unter dem Namen Ceratizit zusammen. Diverse Übernahmen folgen, unter anderem 2017 die der Komet Group.
www.ceratizit.com

D’Andrea
D’Andrea ist ein italienisches Unternehmen und weltweit führend in der Herstellung von Hochpräzisionszubehör für Werkzeugmaschinen. Die Familie D’Andrea entwickelt und produziert seit 1951 und inzwischen in der dritten Generation an den Standorten Lainate (Mailand) und Castel Del Giudice (Isernia) Werkzeughalter und modulare Systeme sowie CNC-Kopf-Linien zum Schneiden und Bohren.
www.dandrea.com

Mapal
Mapal stellt Präzisionswerkzeuge für die Metallbearbeitung, insbesondere für die Zerspanung her. Das Unternehmen ist unter anderem spezialisiert auf Werkzeuge für die Aluminiumbearbeitung, mit besonderem Fokus auf die Automobilindustrie und Luftfahrt. Auch Ausdrehwerkzeuge befinden sich im Portfolio des Unternehmens mit Sitz in Aalen.
www.mapal.com

Nikken
Seit über 60 Jahren entwickelt und fertigt Nikken hochpräzise Produkte für die Fertigungsindustrie: CNC-Rundtische, NC-Werkzeughalter und Bohrköpfe, Werkzeugvoreinstellung und -verwaltung sowie Spindeloptimierung. Das Produktportfolio wird komplettiert durch eine breite Auswahl an Ausbohrsystemen.
www.nikken-world.de

Sandvik
Sandvik Coromant ist Teil der globalen Unternehmensgruppe Sandvik und Weltmarktführer für Werkzeuge und Zerspanungslösungen. Das schwedische Unternehmen setzt Industriestandards und treibt für die metallbearbeitende Industrie wichtige Innovationen an.
www.sandvik.coromant.com

Seco
Seco ist einer der führenden Anbieter für Zerspanungslösungen in den Bereichen Fräsen, Drehen, Bohrungsbearbeitung und Werkzeugaufnahmen. Seco gehört zu Sandvik Machining Solutions, der Werkzeugsparte der Sandvik-Gruppe. EPB, der Franzose unter den Anbietern von Feinbohrwerkzeugen, wurde 2001 von Seco übernommen und in die Gruppe integriert.
www.secotools.com

SwissTools / Schaublin / RBC Bearings
Swiss Tool Systems fertigt seit den 1990er Jahren Werkzeuge als White-Label-Produkte für andere Unternehmen und Werkzeughändler. Seit 2020 sind die Produkte auch unter anderem als Marke SwissTools am Markt. 2019 übernahm Schaublin den Anbieter Swiss Tool Systems. Schaublin, gegründet 1915 in Delémont, Schweiz, hat sich auf Spannwerkzeuge und Lagerprodukte für verschiedene Industrien spezialisiert. 2000 wurde Schaublin Teil von RBC Bearings und vertreibt seitdem RBC-Produkte in Europa.
https://swisstools.orgwww.schaublin.chwww.rbcbearings.com

Urma
Urma entwickelt und fertigt Präzisionswerkzeuge, die weltweit bei der Bearbeitung präziser Bohrungen und Fräsarbeiten in verschiedenen Industriebereichen zum Einsatz kommen. Seit 1962 ist Urma mit ihrem Hauptsitz und der Produktionsstätte in der Schweiz tätig. In der Schweiz und Liechtenstein vertreibt und unterhält Urma Werkzeugmaschinen von Haas, Emco und Zorn.
www.urma.ch

Wohlhaupter / Allied Machine
1929 gegründet, ist Wohlhaupter heute bekannt als Hersteller von modularen Werkzeugsystemen für Bearbeitungszentren und Dreh-/Fräszentren, Plan- und Ausdrehköpfen, Einstechköpfen, Spannzeugen sowie kundenspezifischen Lösungen für die Bohrungsbearbeitung. 2016 übernahm Allied Machine & Engineering Corp. die Mehrheitsanteile von Wohlhaupter. Frank-M. Wohlhaupter führt das Unternehmen in dritter Generation. Die Fertigung von Wohlhaupter befindet sich im schwäbischen Frickenhausen im Zentrum des deutschen Maschinenbaus.
www.wohlhaupter.com

dima Werkzeuge von Wohlhaupter gehören inzwischen zu den wenigen „Made in Germany“…

Ich sehe das „Made in Germany“ in unserer Branche als großen Vorteil. Je mehr unsere Kunden auf ihre Lieferketten schauen, desto wichtiger ist es, wenn wir belegen können, dass unser Stahl aus der EU kommt und alle unsere Zulieferer in Deutschland angesiedelt sind. Das verhindert Compliance-Probleme. Wir sind Mitglied im VDMA und bei Südwestmetall und halten uns an deren sämtliche Vorgaben. Wir verfügen über eine sehr hohe Lieferfähigkeit; nicht alle unsere Marktbegleiter können da mithalten.

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Die Fertigung von Wohlhaupter befindet sich im schwäbischen Frickenhausen im Zentrum des deutschen Maschinenbaus. Hier ist die Digitalanzeige 3E Tech+ zu sehen, die mit sämtlichen Feinbohrwerkzeugen des Herstellers kompatibel ist. – Bild: Wohlhaupter GmbH

Welche Schwierigkeiten entstehen, wenn internationale Lieferketten unterbrochen sind, konnte man in den vergangenen Jahren ja immer wieder sehen. Bei uns erfolgt die Auslieferung in aller Regel am folgenden Werktag. Wir betreiben zusammen mit unserer Mutter Allied ein zentrales Lager in Frickenhausen, unweit von Stuttgart, was uns dies ermöglicht.

dima Mit welchen weiteren Veränderungen rechnen Sie auf dem Markt für Ausdrehwerkzeuge?

Es gilt zu berücksichtigen, dass es sich hier um einen relativ kleinen Nischenmarkt im Maschinenbau handelt. Ich schätze den Marktumsatz weltweit auf 100 bis 150 Millionen Euro pro Jahr. Ich kann mir schon vorstellen, dass es zu weiteren Übernahmen kommt, um größere, schlagkräftige Einheiten zu bilden bzw. um Synergien mit benachbarten Produktkategorien zu finden.

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