
Herr Wohlhaupter, der Produktionsstandort Deutschland steht zunehmend unter Druck: hohe Energiekosten, Fachkräftemangel, Bürokratie. Viele Unternehmen verlegen ihre Produktionen ins Ausland, Wohlhaupter produziert nach wie vor ausschließlich in Frickenhausen. Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Gründe, diesem Standort treu zu bleiben?
Zunächst: Frickenhausen ist meine Heimat, unsere Heimat; an ihr hängen wir, mit ihr sind wir verbunden. Wir haben hier aber auch eine unvergleichbar gute Infrastruktur mit vielen namhaften Unternehmen als Kunden und kompetenten Zulieferern. In der Region finden wir gut ausgebildete Mitarbeiter bzw. bilden diese selber aus. Trotz hoher Energiekosten und Bürokratie, über die wir uns auch ärgern: Solch einen Standort darf man nicht so einfach aufgeben. Für einen Mittelständler und Familienunternehmer wie mich hat das viel mehr Gewicht als für Großunternehmen und Konzerne.
Viele Ihrer Wettbewerber haben ihre Produktion ins Ausland verlagert. Spüren Sie in Ihrem Nischenmarkt zunehmenden Preisdruck? Wie begegnen Sie diesem?
Ja, der Preisdruck ist deutlich spürbar. Wir setzen dem bewusst Produkte entgegen, die sich durch hohe Qualität und eine lange Lebensdauer auszeichnen. Unser Name steht seit jeher für Verlässlichkeit – und wir arbeiten kontinuierlich daran, dieses Vertrauen in die Marke zu stärken.
„Wir müssen uns wieder auf unsere Stärken und Tugenden besinnen“
Gleichzeitig bewegen wir uns in einem sehr speziellen Nischenmarkt. Der ist für viele internationale Anbieter weniger interessant, was uns eine gewisse Stabilität verschafft. Dass viele Wettbewerber inzwischen Teil großer Konzerne sind, zeigt zusätzlich, wie besonders unsere Position ist.
Erwarten Sie eine weitere Konsolidierung im Markt für Bohrungsbearbeitung? Gibt es bestimmte Segmente oder Anwendungen, in denen Sie besonderes Wachstumspotenzial sehen?
Tatsächlich rechnen wir mit einer weiteren Konsolidierung – insbesondere im Bereich der modularen Bohrungs- und Finishbearbeitung. Einige Wettbewerber haben bereits ihre deutschen Standorte geschlossen und ziehen sich zurück. Für uns als kleinen Hersteller eröffnet das Chancen zu wachsen, weil wir diese Versorgungslücken gezielt schließen können. Rückenwind gibt uns außerdem die starke Unterstützung unserer amerikanischen Mutter Allied Machine sowie unsere seit Jahren etablierte Vertriebstochter im Wachstumsmarkt Indien.
Was sind derzeit die wichtigsten technischen Trends in Ihrer Branche – und wie reagieren Sie darauf?
Das ist die Digitalisierung. Sie prägt inzwischen auch die Werkzeugindustrie – ein Thema, das wir schon vor fast 25 Jahren mit unserem Produkt DigiBore aktiv mitgestaltet haben. Daneben spielt Toolmanagement eine große Rolle. Mit unserem modularen Werkzeugsystem MultiBore bieten wir hier flexible Lösungen, die insbesondere bei kleineren Losgrößen einen spürbaren Mehrwert schaffen.

Produktneuheit: Bohren und Fasen in einem Arbeitsgang – T-A Pro Bohr-Fas-Halter von der Muttergesellschaft Allied Machine – Bild: Wohlhaupter GmbH
Ihre US-amerikanische Mutter Allied Machine hat Wohlhaupter-Produkte in ihrem Portfolio. ‚Made in Germany‘ steht für Qualität, hat aber seinen Preis – und Zölle erschweren zusätzlich den Marktzugang. Wie schätzen Sie Ihre Chancen in den USA ein – kurz-, mittel- und langfristig?
Unsere Chancen auf dem amerikanischen Markt waren nie besser als heute. Über die fast zehn Jahre, in denen wir mit Allied zusammenarbeiten, konnten wir den Markt sukzessive ‚erobern‘ und den Bekanntheitsgrad unserer Marke stetig verbessern. Allied als alteingesessenes amerikanisches Unternehmen mit einer großen eigenen Außendienstorganisation in den USA hilft uns dabei enorm. Kurz- mittel- und auch langfristig sind wir auf diesem Markt also bestens positioniert. Fakt ist, dass kein US-amerikanischer Hersteller vergleichbare Produkte anbietet. Daher haben alle Marktbegleiter mit denselben Problemen, was z.B. die Strafzölle anbelangt, zu kämpfen.
Denken Sie vor diesem Hintergrund über eine lokale Fertigung in den USA nach, um dort näher am Kunden zu sein – oder bleibt ‚Made in Frickenhausen‘ auch international Ihr Markenkern?
In der Tat prüfen wir derzeit aktiv, ob wir Produkte vor Ort fertigen werden. Allerdings rechtfertigen die Stückzahlen momentan noch keine lokale Produktion aller modularen Komponenten. Gleichzeitig bleibt ‚Made in Frickenhausen‘ unser internationaler Markenkern – dafür stehen wir mit unseren Produkten weltweit.
Und umgekehrt? Wie entwickeln sich die Marktchancen für Produkte von Allied Machine in Deutschland und Europa? Gibt es dort Übernahmeeffekte oder Synergien?
Unser gemeinsames Ziel ist es von Beginn an, die jeweiligen Organisationen auf den Kontinenten gezielt zu nutzen, um die Produkte beider Marken erfolgreich voranzubringen. Deshalb haben wir uns schon vor Jahren für ein Dual Branding entschieden, das Allied Machine und Wohlhaupter auch im Logo sichtbar vereint. In der D.A.CH-Region konnten wir so den Absatz von Allied-Produkten kontinuierlich steigern – auch, weil unser Markenname Wohlhaupter die Vermarktung der Bohrsysteme von Allied zusätzlich unterstützt.
Wie stark erleben Sie die strukturelle Krise der deutschen Automobilindustrie – gerade auch als Zulieferer?
Die deutsche Automobilindustrie hat es schwer getroffen. Das betrifft natürlich auch die Zulieferer sowie den Maschinen- und den Präzisionswerkzeugbau. Wir profitieren davon, dass unsere Produkte nur zu einem kleinen Teil in der Großserie zum Einsatz kommen.

Wo sehen Sie Zukunftsmärkte, sowohl geografisch als auch branchenübergreifend? In welchen Märkten sind Sie heute schon aktiv, welche bereiten Sie vor?
Geografisch sehen wir insbesondere in den USA und in Indien großes Potenzial. In den USA treiben enorme Investitionssummen die Nachfrage, die gerade durch die EU, Japan und auch Indien zugesagt wurden. Indien wiederum entwickelt sich zunehmend zur Werkbank der Welt und ist als bevölkerungsreichstes Land mit einem extrem hohen Bedarf an Infrastrukturprojekten unbedingt ein Zukunftsmarkt.
Als mittelständisches Unternehmen: Was sind für Sie die größten Herausforderungen beim internationalen Geschäft: Zollbarrieren, Regularien, Mentalitätsunterschiede?
Zollbarrieren stellen derzeit die größte Herausforderung dar – weil selbst etablierte Märkte wie die USA von einem Tag auf den anderen davon betroffen sind. Regularien spielen für uns eine geringere Rolle, wobei wir Geschäfte mit Russland konsequent ausschließen und bestehende Restriktionen auch nicht durch Umwege über andere Länder umgehen.
Mit Mentalitätsunterschieden im internationalen Geschäft sind wir durch mehr als 80 Jahre Exporterfahrung vertraut. Etwa mit der gängigen Praxis, schon nach Rabatten zu fragen, bevor das Produkt überhaupt definiert ist.
Wie schaffen wir es, die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen?
Wir müssen uns wieder auf unsere Stärken und Tugenden besinnen: Harte und gleichzeitig smarte Arbeit muss wieder oberste Priorität genießen. Gleichzeitig ist unser Bildungssystem so auf Vordermann zu bringen, dass es international wieder mithalten kann.
Besonders notwendig sind Strukturreformen sowie die Konzentration auf das Wesentliche – eine klare Vision, Mission und Strategie, die konsequent verfolgt werden. Von zentraler Bedeutung ist ein starkes und geeintes Europa, das eigenständig auftritt und unabhängig von China und den USA innere Stärke zeigt.
Wohlhaupter engagiert sich stark für Nachhaltigkeit. Wird das Thema gerade von den aktuellen Krisen überlagert? Ist Nachhaltigkeit aus Ihrer Sicht ein ‚Luxusthema‘ – oder ein strategischer Imperativ, auch in schwierigen Zeiten?
Auf der einen Seite muss man sich Nachhaltigkeit leisten können – doch nicht jeder, der es sich leisten könnte, geht diesen Weg. Für uns ist Nachhaltigkeit jedoch kein Luxusthema, sondern ein strategischer Imperativ. Wohlhaupter steht von jeher für langlebige Produkte, das Konzept der Wegwerfgesellschaft passt nicht zu uns. Deshalb haben wir bereits 2009 in eine Geothermieanlage mit Wärme- und Kältepumpen investiert, und unsere Verpackungen bestehen überwiegend aus Karton. Seit drei Jahren bin ich begeisterter Fahrer eines vollelektrischen Pkw und unser Messeteam reiste nach 2023 zum zweiten Mal mit dem Zug zur EMO nach Hannover. Und zu guter Letzt: Alle Wohlhaupter-Produkte werden an unserem Standort in Deutschland gefertigt, alle Vorprodukte stammen aus Deutschland oder Europa. So hatten wir selbst zu Coronazeiten nie Probleme mit unserer Lieferkette. Eine PV-Anlage für unsere Freiflächen ist in Planung, und selbst unsere Muttergesellschaft in den USA hat auf ihren Produktionsgebäuden bereits PV-Anlagen installiert.

















